Leben
Kommentar

Olympia-Eröffnungsfeier: War wirklich das letzte Abendmahl zu sehen?

Bei der Eröffnungsfeier der olympischen Spiele 2024 in Paris sorgte dieser Auftritt von Dragqueens für Kontroversen.
Bei der Eröffnungsfeier der olympischen Spiele 2024 in Paris sorgte dieser Auftritt von Dragqueens für Kontroversen.bild: screenshot twitter
Kommentar

Haben die Drags bei der Eröffnung von Olympia wirklich das letzte Abendmahl verspottet?

Blasphemie, Verhöhnung des Christentums! Die Reaktionen auf die Eröffnungszeremonie sind harsch und geprägt von der Lust am Untergang des Abendlands. Dabei ist diese Lesart nur eine mögliche.
29.07.2024, 20:0029.07.2024, 20:00
Tobias Sedlmaier / ch media

Grosse Aufregung nach der Olympia-Eröffnungsfeier vom Freitag: Ein Tableau, freizügig aufgeführt von queeren Menschen, erinnerte in seiner Anordnung viele Zuschauerinnen und Zuschauer an das letzte Abendmahl. Sofort waren die üblichen Verdächtigen wie Donald Trump oder Elon Musk zur Stelle und wetterten gegen die «Gotteslästerung».

Natürlich gaben sich auch katholische Bischöfe und Gruppierungen aufgebracht, sprachen von «Blasphemie» und «Verhöhnung des Christentums». Merkwürdig, bei anderen, eigenen Verstössen gegen Gottes Gebote, Stichwort Kindesmissbrauch, dauert es üblicherweise ungleich länger mit der Empörungsmaschinerie.

Ekstatisches Gelage statt letztes Abendmahl?

Fragwürdig ist ohnehin, ob es sich bei der kritisierten Szene wirklich um das letzte Abendmahl handelt, das Jesus nach dem Neuen Testament im Kreise seiner Jünger im Garten Getsemani abhielt. Die populärste Darstellung jener Bibelstelle stammt von Leonardo da Vinci. Das Fresco in Mailand ist eines der bekanntesten Kunstwerke der Welt – und wurde ergo unzählige Male parodiert, von «MASH» bis zu den «Simpsons».

simpson parodie das letzte abendmahl / the last supper
Die Parodie des letzten Abendmahls bei den Simpsons.Bild: screenshot the simpsons staffel 16, folge 19

Offiziell bestätigt wurde das Drag-Tableau im Programmablauf nicht als «Abendmahl». Es ist also eine mögliche Interpretation. Eine weitere, auf Social Media geäusserte, lautet, die kritisierte Olympia-Szene sei von einem ganz anderen Gemälde inspiriert: dem «Fest der Götter» vom niederländischen Meister aus dem 16. Jahrhundert, Jan van Bijlert. Darauf zu sehen ist ein ekstatisches Gelage rund um den antiken Gott Dionysos. Das Szenario wäre also ein heidnisches, was zudem besser passen würde.

Nun steht es allen frei, die Inszenierung dieser Eröffnungsfeier verfehlt und unpassend zu finden. Über nichts lässt sich trefflicher streiten als über Geschmack. Doch mancherorts wird gleich missmutig das Ende der westlichen Welt herbeifantasiert. Viele vermeintlich Liberale laufen Sturm und beweisen einmal mehr, dass sie nur solange liberal sind, bis es an den eigenen Befindlichkeiten kratzt.

fest der götter, Jan van Bijlert / https://musee-magnin.fr/collection/objet/le-festin-des-dieux
Das Bild «Fest der Götter» von Jan van Bijlert.Bild: musée national magnin, dijon, frankreich

Die Lust am Untergang des Abendlands

Auch in einem Gastkommentar in der NZZ wurde, zum wiederholten Mal in den vergangenen Wochen, der Untergang des Abendlandes beschworen: «Sie haben an den Grundfesten des Westens gesägt, die ihnen überhaupt ermöglichen, Andersgläubige zu verspotten». Geschrieben hat der Kommentar bezeichnenderweise der ehemalige Generalvikar des Bistums Chur.

Er hätte es mutiger gefunden, die Anhänger des Islam dermassen zu verlachen, diese hätten sich für den Frevel – man liest den Spott zwischen den Zeilen – «mutmasslich mit dem Niederbrennen ganzer Quartiere bedankt». Wenn man wegen sich über einer Handvoll schräg kostümierter Gestalten an einem Sportevent dermassen in Gewaltvorstellungen verliert, kann man sich die Frage gefallen lassen, ob es allein die antichristlichen «Woken» sind, die engstirnig, hysterisch und totalitär auftreten.

Religionsfreiheit bedeutet auch die Freiheit vor der Religion. In Europa wurde nicht umsonst jahrhundertelang blutig dafür gekämpft, dass der dominierende Glaube, nach wie vor das Christentum, verspottet und lächerlich gemacht werden dürfe. Wer jetzt gratismutig fordert, dass man Gleiches doch ebenso mit dem Islam wagen müsse, da das Christentum sakrosankt sei, liebäugelt selbst mit den Regeln des Kalifats. Diese verbieten die künstlerische Auseinandersetzung mit der Religion komplett.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
So hätten Memes in biblischen Zeiten ausgesehen
1 / 22
So hätten Memes in biblischen Zeiten ausgesehen
quelle: watson / shutterstock
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Diese (wortwörtlich) atemberaubende Trend-Sportart will Olympia 2028 aufmischen
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Wie Ballett wieder cool wurde: Das steckt hinter dem Trend
Popstars bedienen sich derzeit der Ästhetik des Balletts. Gleichzeitig nehmen immer mehr Erwachsene Ballettunterricht und erfüllen sich damit einen Kindheitstraum. Hinter dem Trend steckt eine Entwicklung, welche die Tanzform als Ganzes betrifft.
Heute ist der World Ballet Day; Ballett-Kompanien auf der ganzen Welt laden in Livestreams dazu ein, ihrem Training und den Proben zuzuschauen. Damit gewähren sie Einblick in eine schillernde Künstlerwelt, die hinter den Kulissen weit weniger glamourös ist.
Zur Story