Leben
Interview

Für den Film «Frank & Louis» redete Petra Volpe mit Schwerverbrechern

«Frank & Louis» 2026, Regie: Petra Volpe. Mit Rob Morgan (Louis) / Kingsley Ben-Adir (Frank)
Pera Volpe und ihre «Gangster» beim Dreh in einem ehemaligen Gefängnis im englischen Shrewsbury: Kingsley Ben-Adir (von links), Rob Morgan und der puertoricanische Rapper und Filmschaffende Residente, der beim folgenden Interview allerdings nicht dabei war.Bild: Filmcoopi / Zodiacpictures
Interview

So war es, mit echten Mördern für den Film «Frank & Louis» zu arbeiten

Petra Volpe macht sich in ihrem neuen Film ausgerechnet dort auf die Suche nach Mitgefühl, wo es normalerweise keines gibt: in einem Männergefängnis. Wir haben sie und ihre beiden Hauptdarsteller am Filmfestival Locarno getroffen.
18.10.2026, 17:1718.10.2026, 17:17

Seife führt in Gefängnisfilmen nie zu Sauberkeit, sondern im Gegenteil zu einer riesigen Sauerei. Wir haben das schon zu oft gesehen: Einem Häftling fällt in der Dusche seine Seife zu Boden, er bückt sich, wird von einem anderen vergewaltigt. Gefängnisfilme zeigen normalerweise, wie Gewalt weitergetragen wird, wie es kein Entkommen gibt, weil das System, dem ein Verbrecher, gelegentlich auch ein Unschuldiger, übergeben wird, selbst auch gewaltbereit ist.

Ganz anders ist das nun bei Petra Volpe und ihrem englischsprachigen Debüt «Frank & Louis». Als Frank (Kingsley Ben-Adir) in ein neues Hochsicherheitsgefängnis verlegt wird, bittet er beim Eintritt um eine doppelte Portion Seife. Man versteht ihn. Seife ist sein Hobby. Er schnitzt daraus kleine Figuren und dekoriert seine Zelle damit.

Frank ist ein Mörder, da gibt es nichts zu beschönigen. Trotzdem mag er die Hoffnung nicht aufgeben, dass er dank guter Führung nicht ganz so lange in den Eingeweiden der Gefängnisse ausharren muss. Er nimmt an einem Programm teil, in dem sich jüngere Häftlinge um demente ältere kümmern. Louis (Rob Morgan) wird ihm zugeteilt. Meist weiss dieser nicht, wo er sich befindet, an sein Verbrechen kann er sich nicht mehr erinnern, oft wird er aggressiv, Frank ist dafür verantwortlich, dass er isst, dass er sich bewegt und wäscht, er wird zu Louis' Pfleger und zu seinem Ersatzsohn, es ist die Geschichte einer schmerzhaften Freundschaft.

Der Trailer von «Frank & Louis»

Schon Petra Volpes «Heldin» war ein Film über Care-Arbeit, da begleiteten wir eine Krankenpflegerin um Atem ringend durch den höchsttourigen Stress ihrer Nachtschicht. «Frank & Louis» ist das Gegenteil davon. Ein Film aus dem Stillstand des Lebens. Ein Film, der sich Zeit nimmt für Trauer, für Mitgefühl und das Keimen von Liebe im Angesicht des Vergessens und des Todes. Am Ende will man tagelang weinen.

Ich treffe Petra Volpe, Kingsley Ben-Adir und Rob Morgan an einem Montagmorgen im August in Locarno. Es ist gegen 36 Grad warm, wir sitzen in einer wolkigen Lounge-Landschaft auf der Terrasse des Hotels La Palma au Lac, wieso es nicht La Palma al Lago heisst, weiss wohl einzig der Hotelgründer. Die drei kommen aus der Schweiz, Grossbritannien und Amerika und wirken so vertraut, als wären sie Geschwister, die noch keinen Tag ihres Lebens ohne einander verbracht hätten. Mit von der Partie sind an jenem Morgen äusserst blutrünstige Stechmücken. Sonst ist alles friedlich.

Dass hier 2019 ein 30-jähriger deutscher Hochstapler auf Zimmer 501 seine millionenschwere 22-jährige britische Freundin getötet hat, wissen wir zum Glück alle nicht. Im Nachhinein macht es das La Palma natürlich zur einzig passenden Kulisse für unser Gespräch.

Ein Polizeiauto steht vor dem Hotel La Palma au Lac, am Dienstag, 9. April 2019, in Muralto, Kanton Tessin. Im Hotel wurde die Leiche einer Frau gefunden. (KEYSTONE/TI-PRESS/Samuel Golay)
Das La Palma au Lac kurz nach dem Verbrechen am 9. April 2019.Bild: Keystone/Ti-Press

Rob, du kommst aus North Carolina. Kingsley, du aus London. Wie war es, mit jemandem aus der Schweiz zu arbeiten?
Rob: Es war sehr lustig, beim Dreh all diese Sprachen zu hören … Manchmal habe ich einfach genickt und so getan, als hätte ich alles verstanden.
Petra: Wenn es mal sehr emotional oder hitzig wurde, dann habe ich schon mal ins Hoch- oder Schweizerdeutsche gewechselt.
Rob: Und ihr sagt «Bitte!», nicht «Action!», wenn eine Szene gedreht wird. Sehr höflich!
Kingsley: Es war sehr interessant, dass Petra sich für diese typisch amerikanische Geschichte entschieden hatte. Rob hat uns dabei geholfen, dass sie wirklich amerikanisch wurde.

In Christopher Nolans «Batman» stellt Heath Ledger als Joker die Frage: «Why so serious?» Petra, die muss ich dir auch stellen, schliesslich wurdest du nach deiner Komödie «Die göttliche Ordnung» im Spital-Thriller «Heldin» schon viel ernster, und jetzt in «Frank & Louis» noch mehr. Ich mache mir Sorgen! Wieso so ernst?
Petra: Ich werde bald zur Komödie zurückkehren. Aber ich bin keine Regisseurin, die sich auf ein Genre beschränkt, ich frage mich bei jeder Geschichte: Was ist der richtige Tonfall, das richtige Tempo, um sie zu erzählen? Vieles wird von den Figuren diktiert: Frank zum Beispiel ist ein sehr düsterer Charakter, verhärtet und zerstört vom System. Der Film erzählt, wie er dank der Care-Arbeit mit Louis wieder zum Menschen wird und etwas Leichtigkeit findet. Darüber habe ich während meiner Recherche mit vielen Inhaftierten gesprochen: wie sie durch die Fürsorge für andere wieder zu Weichheit und Mitgefühl gefunden haben.

Kannst du über diese Recherche etwas detaillierter erzählen?
Petra: Meine Co-Autorin Esther Bernstorff hat über das sogenannte «Gold Coats»-Programm in der California Men’s Colony, dem Gefängnis in San Luis Obispo, gelesen. Dort kümmern sich jüngere Häftlinge, die Gold Coats, um ältere mit Demenz oder Alzheimer. Es ging um Fürsorge im Gefängnis, um Altern im Gefängnis, um Themen, die man sonst aus Gefängnissen nicht kennt und schon gar nicht in Filmen oder Serien sieht.

January 8, 2025: The main gate at California Men s Colony in San Luis Obispo, California, on Nov. 12, 2024. - ZUMAm67_ 20250108_zaf_m67_018 Copyright: xDavidxMiddlecampx
Die California Men’s Colony in San Luis Obispo.Bild: www.imago-images.de

Und dann habt ihr den Direktkontakt gesucht?
Petra: 2014 reiste ich mit meiner Kamerafrau Judith Kaufmann nach San Luis Obispo, wir führten erste Gespräche mit den Gold Coats, und ich spürte: Ich kann diese Geschichte erzählen. 2017 reiste ich wieder nach Kalifornien, diskutierte mein Script mit den Häftlingen, redete über jede Szene und sie halfen mir, das Drehbuch zu verbessern. Es ist wirklich in Zusammenarbeit mit ihnen entstanden. Später redeten Kingsley und Ben mit Ex-Gold-Coats.

Die Vorstellung, einem Verbrecher gegenüberzusitzen, hat etwas Bedrohliches. Wie habt ihr das erlebt?
Kingsley:
Mich hat die Vorstellung schon immer umgetrieben, wie es wohl ist, wenn man einen Grossteil seines Lebens hinter Gittern verbringen muss, wie schrecklich das sein muss. Und dann traf ich auf Menschen, die wirklich ein Verbrechen begangen hatten und die wirklich im Gefängnis sassen, und war total beeindruckt. Denn trotz ihrer Schuld, trotz der Schwere ihres Lebens sind sie normale Menschen geblieben. Das andere schlummert jedoch konstant in ihrem Unterbewusstsein und beeinflusst alles. Unsere Gespräche auf Zoom waren leicht, informativ, offen, interessant, freundlich, sehr entgegenkommend und widersprachen jedem Klischee, das ich über Gefängnisinsassen hatte.

Das klingt nach einem wertvollen Erkenntnisgewinn. Rob und Petra, hattet ihr den auch?
Rob:
Ich redete mit einem Häftling, der zu 28 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Er war wunderbar, sehr engagiert, eine tolle Persönlichkeit mit viel Würde, viel Humor und enorm viel Aufmerksamkeit und Respekt für alles, was um ihn vorging. Ich dachte, verrückt, wie stark so ein Mensch sein kann, dass er sich in dieser Umgebung nicht unterkriegen lässt. Ich sagte: «Mann, 28 Jahre! Bist du sicher, dass die nötig sind?» Er sagte: «Ja.» Einfach so. Das war die Zeit, die er als angemessene Strafe betrachtete. Ich glaube nicht, dass ein durchschnittlicher Mensch zu dieser Auffassung fähig sein könnte. Er war es. Trotz 28 Jahren. In Einzelhaft! Sperrt mal einen Affen in Einzelhaft, der dreht sofort durch!
Petra: Der aufwühlendste Moment war für mich, als ich im Gefängnis zum ersten Mal einem Mann gegenübersass, von dem ich wusste: Das ist ein Mörder. Es gab keine Glasscheibe zwischen uns, wir sassen einfach da, ein Beamter stand in der Ecke, es war potenziell gefährlich, wir konnten einander riechen und spüren, doch im Gespräch war er einfach ein Mann mit einer Familie und einer Geschichte.

epa13160269 Swiss film director Petra Volpe speaks before the screening of the film 'Frank & Louis' at the 79th Locarno Film Festival in Locarno, Switzerland, 10 August 2026. EPA/JEAN-CH ...
Am Abend nach unserem Gespräch treten Petra Volpe und ihre Schauspieler mit «Frank & Louis» auf der Piazza Grande am Filmfestival Locarno auf. Der Film gewinnt den Publikumspreis des Festivals.Bild: Keystone

Und einer Schuld.
Petra: Und einer Schuld. Diese Komplexität hat mich interessiert. Es ist so leicht, einen Unschuldigen zu zeigen, der zu Unrecht verurteilt wurde, ihm zu vergeben und einen moralischen Standpunkt einzunehmen. Natürlich gibt es Unschuldige in den Gefängnissen, gerade in den USA. Aber es gibt auch Schuldige. Alle, die ich getroffen habe, hatten ein Verbrechen begangen. Sie hatten Menschen getötet. Aber ich traf sie an einem Punkt, an dem sie sich um andere kümmerten. An dem sie menschlich waren. Ich wollte nicht die Entmenschlichung zeigen, die von der Politik und in den Gefängnissen vorangetrieben wird und uns auch sehr viel über die gegenwärtige Gesellschaft lehrt. Ich wollte ihre Menschlichkeit in all ihrer Komplexität zeigen.

Actor Kingsley Ben-Adir from Great Britain, left, and US actor Rob Morgan, right, pose during a photocall for the movie "Frank & Louis" at the 79th Locarno Film Festival, in Locarno Swit ...
Kingsley Ben-Adir (links) und Rob Morgan in Locarno.Bild: Keystone / Jean-Christophe Bott

Ihr hattet also Berge von Material recherchiert – wie habt ihr all das in eure Figuren übersetzt? Wie seid ihr Frank und Louis geworden?
Kingsley: Ich versuchte, einen unterbewussten Mangel an Information zu füllen. Und zu verstehen, wie die innere Welt von Frank funktioniert und wie sie sich äussert. Wie viel und was davon zwischen «Action!» und «Cut!» schliesslich zum Vorschein kommt, weiss ich nie, das ist eine Art alchemistischer Vorgang. Und dann gab es ein paar ganz gefängnisspezifische Dinge, die mir die Häftlinge beigebracht haben, etwa, wie man sich bewegen muss, da ist man nämlich sehr eingeschränkt. Man muss sich unauffällig bewegen, man steht ständig unter Beobachtung, man schränkt sich ein.
Petra: Man darf niemanden provozieren, man wird automatisch langsamer und ruhiger. Die Menschen im Gefängnis haben eigentlich zu viel Zeit. Und Menschen mit Alzheimer oder Demenz haben noch mehr Zeit. Deshalb ist «Frank & Louis» auch viel ruhiger als «Heldin». Deren Problem bestand ja darin, überhaupt keine Zeit zu haben.

«Frank & Louis» 2026, Regie: Petra Volpe. Mit Rob Morgan (Louis) / Kingsley Ben-Adir (Frank)
Frank und Louis Bild: Filmcoopi / Rob Baker Ashton

Rob, du musstest dich zusätzlich mit dem Thema Demenz auseinandersetzen.
Rob: Ich habe zwei Paare kennen gelernt: Bei beiden waren die Männer in ihren 50ern und litten an Alzheimer, der eine war komplett weg, der andere kurz davor. Ich durfte alles fragen und mir alles anschauen. Dann setzte ich mich mit meinem ersten Schauspiellehrer in Verbindung, weil ich mich beim Umsetzen der Krankheit nicht auf mich allein verlassen wollte, ich brauchte ein zweites Augenpaar. Das war mein Prozess.

Petra, war es dein erklärtes Ziel, einen Anti-Gefängnisfilm-Gefängnisfilm zu machen?
Petra: Ja. Das ist ein feministischer Film über Männer im Gefängnis. Natürlich ist ein Gefängnis ein Ort von toxischer Männlichkeit, von Gewalt, angehäuftem Testosteron, all das ist es. Aber wie ich gelernt habe, ist es auch ein Ort der Fürsorge, der Zärtlichkeit, Verletzlichkeit und Liebe. Da ist auch eine ganz andere Art Männlichkeit, von der wir im Kino viel mehr sehen sollten.

Es gibt ja aber auch noch die Opferseite, die geht mir jetzt fast ein bisschen unter.
Petra: Die Männer, die ich getroffen hatte, erzählten mir, wie die Care-Arbeit ein Schlüssel zu ihrem eigenen Mitgefühl geworden war. Sie waren frustriert und selbstmitleidig ins Gefängnis reingekommen und hatten gelernt, sich um andere zu sorgen. Sie empfanden auch Mitleid für ihre Opfer und deren Familien. Der Film nimmt das Leid der Opfer von Gewaltverbrechen ernst und macht sie nicht kleiner, aber ein Mensch ist auch mehr als das Schlimmste, was er getan hat. Und selbst wenn wir nicht vergeben können, darf ihm die Menschlichkeit nicht abgesprochen werden.

ROB MORGAN in JUST MERCY (2019), directed by DESTIN DANIEL CRETTON. Copyright WARNER BROS.. Credit: WARNER BROS. / Album
Absolut aussichtslos: Rob Morgan 2019 im Gefängnisfilm «Just Mercy».Bild: www.album-online.com

Rob, du hast schon den einen oder anderen Gefängnisinsassen gespielt. Etwa in «Just Mercy» mit Jamie Foxx und Michael B. Jordan. Wie erging es dir da?
Rob: Das war klassisch: Ich wurde exekutiert, obwohl ich unschuldig war. Nach einer wahren Geschichte. Und dann kam Petras Drehbuch und niemand wurde vergewaltigt, niemandem wurde das Gesicht aufgeschlitzt, niemand verriet einen anderen, es herrschten nicht Terror, Horror und Angst. Es zeigte im Gegenteil, wie alle einander brauchen. Und es hatte keinerlei Vorurteile gegenüber Menschen im Gefängnis. Das war so erfrischend!

Petras Film «Heldin» trug viel zur Debatte um Care-Arbeit bei. Was erhoffst du dir von «Frank & Louis»?
Rob: Ich glaube fest, dass dieser Film eine Debatte darüber eröffnen wird, dass wir mehr Empathie für unsere Brüder und Schwestern in den Gefängnissen haben sollten. Und vielleicht auch darüber, wie unangemessen und unmenschlich das amerikanische Justizsystem seine Strafen bestimmt. Ich habe mit einem Mann gesprochen, der als 15-Jähriger zu 100 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Das ist doch absurd!

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Kingsley Ben-Adir war einer der vielen Kens in «Barbie»! Und deshalb kniet er hier an den Oscars 2024 auch vor dem Über-Ken himself, also vor Ryan Gosling.Bild: Screenshot YouTube

Kingsley und Rob, ihr habt beide schon mit Regisseurinnen gearbeitet, die Namen reichen von Dee Rees bis Greta Gerwig …
Kingsley: … immer eine bessere Erfahrung!
Rob: Alles ist besser als weisse Männer, die Welt könnte da in vielerlei Hinsicht inklusiver sein. Frauen und People of Color haben da noch viele, viele Hindernisse zu bewältigen.
Petra: Es geht in grossen Schritten rückwärts. Es gab einen kurzen Ausschlag nach oben, was die Präsenz von Regisseurinnen angeht, aber seit Trump wieder an der Macht ist, gehen besonders die massiv teuren Projekte wieder alle an weisse Männer. Hollywood ist eine der konservativsten, sexistischsten und rassistischsten Industrien, die es gibt. Sie wird dominiert von Angst und der Gier nach Geld und Macht.
Rob: Hollywood hilft mit, jene Bilder in die Welt zu setzen, welche die Menschen programmieren. Es ist sehr traurig, dass wir 2026 noch darüber reden müssen. Die Gegenseite sollte doch endlich mal müde und erschöpft sein.
Petra: Und genau deshalb muss ich die Filme machen, die ich mache. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass wir damit etwas Gutes bewirken und das Bewusstsein und die Herzen von ein paar Menschen öffnen können.

«Frank & Louis» läuft ab dem 22. Oktober im Kino.

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