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Angriff auf Yandex: Was die Drohnen wirklich lahmgelegt haben

Rauch über dem Yandex-Rechenzentrum in Sassowo in der Region Rjasan nach einem ukrainischen Drohnenangriff.
Rauch über dem Yandex-Rechenzentrum in Sassowo in der Region Rjasan nach einem ukrainischen Drohnenangriff.bild: Screenshot: @Osinttechnical / X

Angriff auf «Russlands Google» – was die Drohnen wirklich lahmgelegt haben

Drei Angriffe in vier Tagen, drei Rechenzentren, ein eingebrochenes Netz: Die Ukraine trifft «Russlands Google» Yandex im Kern. Was die Daten zeigen – und was nicht.
13.10.2026, 19:5913.10.2026, 19:59

Innert vier Tagen haben ukrainische Drohnen drei Rechenzentren von Yandex getroffen, dem «russischen Google». Der Konzern bestätigte, dass die Anlagen in Sassowo und Wladimir komplett abgeschaltet werden mussten, in Kaluga fiel ein Teil der Technik aus. Seither sind viele Yandex-Dienste schlecht oder gar nicht erreichbar, und der Datenverkehr aus dem Netz des Konzerns ist stark gesunken. Wie viel davon auch Propaganda-Bots traf, ist dagegen offen.

Laut der unabhängigen «Moscow Times», die in Russland als «unerwünschte Organisation» eingestuft ist, ist es das erste Mal, dass Rechenzentren Teil der ukrainischen Angriffsstrategie sind. Den Anfang machte am 8. Oktober Sassowo in der Region Rjasan, einen Tag später folgte Kaluga, in der Nacht auf Sonntag Wladimir.

Selenskyj sprach von einer Antwort auf russische Angriffe. Tatsächlich hatte Russland kurz zuvor einen «digitalen Detox» für die Ukraine angedroht. Ende September traf es Rechenzentren in der Region Kiew, rund 100'000 Haushalte waren zeitweise ohne Festnetz-Internet. Moskau begründete das mit militärischer Nutzung. Belastbare Belege dafür gibt es laut ZDF bislang nicht.

Was genau eingebrochen ist

Nach den Angriffen ist Yandex deutlich schlechter erreichbar, und aus seinem Netz fliesst weniger Datenverkehr. Das lässt sich an zwei Dingen ablesen: an der Erreichbarkeit der Server und am Datenverkehr.

Die Erreichbarkeit zeigt, wie viele Verbindungen zu Yandex überhaupt noch zustande kommen. Laut der Organisation NetBlocks, die weltweit Internetausfälle misst, sank die Konnektivität der Yandex Cloud schon nach dem Angriff auf Sassowo deutlich, nach Wladimir lag sie bei 30 Prozent des Normalwerts. Das übrige Yandex-Netz kam am Sonntagmorgen auf 63 Prozent. Eine von der US-Denkfabrik Institute for the Study of War zitierte Messung sieht die externe Antwortfähigkeit des Cloud-Netzes um rund 78 Prozent gesunken.

Der Datenverkehr zeigt, wie viele Anfragen aus dem Netz von Yandex noch ankommen. Laut Cloudflare Radar lag der Verkehr aus dem Yandex-Netz nach dem Angriff auf Sassowo rund 35 Prozent tiefer. Nach dem Ausfall von Wladimir fiel er in der Nacht auf Sonntag um 99 Prozent gegenüber der Vorwoche. Die Zahlen lassen sich nicht einfach addieren.

Alltag in Russland gestört

Betroffen waren Bezahl-, Taxi- und Lieferdienste, laut der österreichischen Zeitung «Der Standard» auch Billette für den öffentlichen Verkehr, E-Mail, Onlinebanking und der Sprachassistent Alisa. Yandex riet Taxifahrern, auf Google Maps oder Waze auszuweichen. Gemäss der russischen Wirtschaftszeitung «Kommersant» waren auch Websites von Firmen betroffen, die Yandex Cloud nutzen, etwa Magnit und M.Video. Die Cloud hat nach Firmenangaben mehr als 64'000 Kunden.

Der Fintech-Chef von Yandex erklärte auf Telegram, viele könnten weiterhin ihren Kontostand nicht prüfen, einen Einkauf nicht bezahlen und kein Geld überweisen. Das Geld selbst sei sicher, die Server dahinter seien beschädigt.

Und die Bots?

Kaum waren die Server ausgefallen, kam im Netz eine Vermutung auf: Hat es auch Bots erwischt, die prorussische Inhalte verbreiten? Nutzerinnen und Nutzer berichteten von auffallend weniger prorussischen Kommentaren in sozialen Netzwerken. Selenskyj griff das am Montag am Warsaw Security Forum auf: Seit den Schlägen gegen Yandex sei es auf vielen Plattformen leichter zu atmen, weil weniger Bots aktiv seien. Plattformen, Zeitraum oder Messwerte nannte er nicht.

Die Grafik, die die Runde machte

Schon am 8. Oktober verbreitete ein X-User eine Cloudflare-Auswertung, wonach der russische Bot-Verkehr auf 49 Prozent gefallen sei.

Die Zahlen stützen die These nicht. Cloudflare zählt automatisierte Webanfragen, und dazu gehören Crawler von Suchmaschinen. Fallen sie aus, sinkt der Bot-Verkehr, ob Propaganda-Bots betroffen waren, lässt sich daraus nicht ablesen. Das Portal netzpolitik.org verweist darauf, dass der gesamte russische Bot-Traffic laut Cloudflare nicht deutlich gesunken ist. Social Bots versuchten zudem, sich als Menschen zu tarnen, und würden von solchen Systemen vermutlich nur teilweise erfasst. Dazu kommt, dass Botfarmen laut «Standard» meist auf Smartphones setzen und Koordination und Übersetzung nicht zwingend lokal laufen.

Die polnische Expertin Aleksandra Wójtowicz schrieb auf X, die Bots auf Twitter seien nicht verschwunden, ihre Reichweite könne aber kleiner sein. Das viel geteilte Yandex-Diagramm betreffe Crawler und keine Bots, die auf X Inhalte veröffentlichen. Die Zahl der Beiträge sei kaum gesunken, wohl aber die Aufrufe am 8. und 9. Oktober.

Josef Holnburger, Geschäftsführer des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), sagte gegenüber netzpolitik.org, seine Organisation sehe derzeit keinen Rückgang von anorganischen Likes und Retweets. Dafür sei es aber auch noch zu früh, denn die Aktivität russischer Desinformationskampagnen gehe am Wochenende ohnehin immer zurück.

Auch eine Analyse aus Polen spricht gegen einen Einbruch. Das Res Futura Data House beobachtet nach eigenen Angaben rund 500 Konten der polnischsprachigen «Rusnet»-Szene. Bis Montagmittag sah es keinen Rückgang der narrativen Aktivität, am Wochenende sei das normal. Für den 12./13. Oktober meldete es einen Anstieg der Netzwerk-Aktivität um 45 Prozent gegenüber dem Vortag. Die Daten gelten nur für polnischsprachige Social Media.

Der tschechische EU-Abgeordnete Tomáš Zdechovský teilte eine Grafik, die nach Angriffen auf die Yandex-Rechenzentren einen Einbruch der AfD-Aktivität auf X aufzeigte. Wie das Faktenportal Mimikama geprüft hat, kann dies jedoch nicht bestätigt werden. Die Befunde bleiben also widersprüchlich: Belegt ist bislang nur der Einbruch beim Datenverkehr. Ein Rückgang der Propaganda hingegen nicht.

Seit 2024 gehört Yandex einem russischen Konsortium. Der Deal über rund 5,4 Milliarden Dollar brauchte laut «Moscow Times» Putins Zustimmung. Besonders heikel ist Sassowo: Dort stehen laut Reuters drei Supercomputer für die KI-Entwicklung, zwei davon sind ausser Betrieb. Berichten zufolge lagern dort rund 2700 Nvidia-A100-Grafikeinheiten, die 2021 vor den Sanktionen gekauft wurden.

Der Kreml reagiert

Die russische Regierung hat mittlerweile auf die Angriffe reagiert. Digitalminister Maksut Schadajew sagte einem Duma-Ausschuss, man arbeite mit dem Verteidigungsministerium an Schutzmassnahmen für Rechenzentren, das Ausmass der Angriffe sei beispiellos gewesen. Laut einer «Kommersant»-Quelle kann die Lieferung von Ersatzausrüstung allerdings bis zu sechs Monate dauern.

Wie gross der Schaden insgesamt ist, bleibt unklar. Am Montagnachmittag lag die Konnektivität der Yandex Cloud gemäss NetBlocks bei 33 Prozent, Anzeichen für eine Erholung gab es nicht.

Klar ist: Digitale Infrastruktur ist im Krieg zum Ziel geworden, auf beiden Seiten. Russland traf Ende September Rechenzentren in der Ukraine, die Ukraine antwortet nun mit Yandex. Beide Seiten greifen damit Anlagen an, auf die sich Alltag und Wirtschaft stützen. Ob solche Ziele unter die «Energie-Waffenruhe» fallen, die US-Präsident Donald Trump am Sonntag verkündete, ist offen. Weitere Details nannte er zunächst nicht. Selenskyj hatte zuvor erklärt, die Ukraine sei bereit, Angriffe auf russische Ölraffinerien zu stoppen, wenn Russland aufhöre, ihre Energieinfrastruktur anzugreifen.

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