Ich mag Hunde nicht, aber beim kältesten Abenteuer meines Lebens geschah etwas
Ich mag Hunde nicht, kann nichts mit ihnen anfangen. Ich weiss gar nicht mehr, wie das alles begann. Eine Rolle spielte sicherlich der grosse schwarze Hund unseres Nachbarn.
Ich war wohl 6 oder 7 Jahre alt, als ich eines Morgens aus unserem Wohnblock in den Kindergarten wollte. Durch die Glastüre sah ich den Hund vor dem Gebäude herumrennen. Da wagte ich mich nicht raus. Statt zurück in die Wohnung ging ich in den Keller und versteckte mich.
Den Zugang zu Hunden fand ich nie mehr. Ob beim Wandern, auf dem Velo oder irgendwo: Ich find's entspannter, wenn es keine Hunde in meiner Nähe hat. Tiere find ich super, wir haben Hühner zu Hause – grossartig. Kühe, Pferde, Löwen, Haie, Schlangen, Spinnen: alles easy. Bei Hunden ist einfach dieser Respekt – egal, wie lange die Besitzer beteuern, dass es sich bei genau ihrem Exemplar um den liebsten Hund der Welt handle.
Die überraschende Einladung
Dann erhielt ich die Medieneinladung zu einem Schlittenhund-Abenteuer in der Arktis. Ich durfte in diesem Frühling an den Medienanlass von Fjällräven Polar in Nordschweden. Beim Hauptevent werden jährlich 20 Menschen aus aller Welt auf eine Schlittenhund-Expedition geschickt. Professionell begleitet, jeder mit dem eigenen Hundeschlitten. Wir sind drei Tage unterwegs.
Die Bedingungen sind einfach: über 18 Jahre alt, Englisch sprechend, einigermassen fit, offen für Neues und Unbekanntes. Und ja: Es kann bis minus 30 Grad kalt werden. Du schläfst im Zelt. Oder unter freiem Himmel mitten im Schnee.
Treffpunkt ist Poikkijärvi in der Nähe von Kiruna in Schwedisch-Lappland rund 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Am Ufer des gefrorenen Sees gibt es Material für kalte Nächte und eine Schnellbleiche für die Steuerung des Schlittens.
«Wenn ihr vom Schlitten fallt, haltet euch fest»
Die vermutlich wichtigste Botschaft von Mel, unserer Gruppenleiterin: «Die Hunde wollen immer weiter. Wenn ihr vom Schlitten fallt, haltet euch fest und versucht ihn noch zu kippen, damit der Schlitten seine Bremswirkung zeigt. Wenn ihr loslasst, ist euer Gefährt weg und wir haben kaum die Möglichkeit, die Tiere innert nützlicher Frist wieder einzuholen.»
Und dann sagt Mel noch: «Direkt nach dem Start geht es rund 50 Meter einigermassen steil runter auf den See. Bremst nicht zu stark, aber rasselt mit dem Schlitten auch nicht in die Hunde. Die Leinen müssen immer in der Luft und gespannt sein. Ihr schafft das.»
Beeindruckende Power der Huskys
Ich erhalte den Schlitten mit den Huskys Reesa, Cocos, Disney, Sky und Raven. Die Hunde bellen vor Freude und wollen los, mein Schlitten bleibt nur dank des Ankers da. Kaum ist der gelöst, muss ich mit meinem ganzen Gewicht auf die Bremse stehen. Die Kraft der fünf Huskys ist beeindruckend.
Dann gibt Mel das Zeichen und ich rumple los. Gleichgewicht behalten und runter auf den gefrorenen See. Ich bin Passagier, zum Glück wissen die Tiere, was sie machen müssen.
Der erste Tag bleibt technisch mehr oder weniger einfach. Es gibt keine grösseren Zwischenfälle in der verschneiten Tundra. Bei den Huskys hat jede Position eine Bedeutung. Die hinteren beiden (Wheel Dogs) sorgen für die Power, die mittlere Position (Swing) schaut, dass alles im Lot bleibt und die vordersten beiden sind im Double Lead für die Richtungsänderungen zuständig.
Wir gleiten über Seen und durch Wälder, die Zivilisation erscheint weit weg. Beim Schlafplatz angekommen müssen wir erst die Huskys verpflegen. Fleisch wird für sie gehackt, die Pfoten gepflegt. Innert Kürze entsteht eine Verbindung. An die wilden Hunde am Morgen erinnert nicht mehr viel.
Schlafen im Schnee unter freiem Himmel
In Zweierteams schlagen wir die Zelte auf. Mein Partner Josh stammt aus Nigeria. Erst mit 16 sah er erstmals Schnee. Heute lebt er in Schottland und ist oft in den Bergen und im Winter unterwegs.
Unser Zelt wird nur als Lager dienen. Denn die Idee ist klar: Wir werden unter freiem Himmel schlafen. Nach dem Lagerfeuer gibt es schwache Polarlichter. Keine Lichtquelle beeinträchtigt hier den Blick an den Sternenhimmel. Absolut magisch.
Der Schlafsack hält die Minusgrade locker aus, die zur Bettflasche umfunktionierte Getränkeflasche wärmt zusätzlich.
Gestern noch fremd, heute Freunde fürs Leben
Mel sagt vor dem Start am zweiten Tag: «Gestern wart ihr Passagiere, heute seid ihr Teil des Teams. Es wird jetzt technischer, die Hunde brauchen euch.» Tatsächlich hat sich was verändert. Immer wieder schauen die Leithunde zu mir, wenn sie mit meinen Bremsmanövern nicht einverstanden sind oder die Richtungsänderungen zu wenig klar sind.
Bei Anstiegen und schwierigeren Positionen schauen sie sich um, als ob sie Hilfe fordern. So schiebe ich den Schlitten durch das Gelände, schwitze, renne und stosse. Verheddern sie sich in den Leinen, halte ich an und löse das Problem selbst. Während wir über einsame Seen und um die Bäume im Wald kurven, verstehe ich die unterschiedlichen Charaktere der Huskys immer besser.
Am Ende des Tages läuft alles viel natürlicher. Hunde abschnallen, verpflegen, fast ein bisschen kuscheln. Es ist eindrücklich, wie schnell man hier zusammenwächst. Wir sind tatsächlich ein Team geworden. Ohne sie wäre ich verloren, ohne mich hätten sie es schwer.
Viel zu schnell vorbei
Das Wetterglück hilft wohl auch. Meist scheint die Sonne, es ist nicht allzu kalt. Kein Schneefall, kein starker Wind, kein Wintersturm. Für die letzte Nacht sind wir in einem Camp mit Holzhäuschen. Es gibt eine Sauna und ein Eisbad im See. Auch die Hunde liegen in Häuschen im Stroh. Am nächsten Tag erreichen wir Poikkijärvi in wenigen Stunden.
Viel zu schnell endet das kälteste Abenteuer meines Lebens. Drei Tage, die sich wie eine Woche anfühlen, so viel ist passiert. Nie hätte ich gedacht, dass mir neben den Menschen auf der Tour meine fünf Huskys so ans Herz wachsen können. Ohne sie wäre dies alles nicht möglich gewesen.
Vor drei Tagen hatte ich einfach fünf bellende Hunde vor meinem Schlitten. Jetzt verabschiede ich mich von Reesa, Cocos, Disney, Sky und Raven. Und nehme dank ihnen als Andenken ein Abenteuer mit nach Hause, das ich nie mehr vergessen werde.
